Mit dem folgenden Text wollen wir Positionen von uns als Orga-Gruppe transparent und diskutabel machen und gleichzeitig anfangen Fragen zu formulieren, auf die wir gern gemeinsam Antworten finden würden.

Determinanten
Geschlechterverhältnisse erscheinen uns in hohem Maße als Natürliches uns Gegebenes. Geschlecht erscheint uns als vorsprachliche Wirklichkeit, als Materialität, die durch Sprache nur abgebildet wird. Körper scheinen biologisch determiniert, in ihrem Ausdruck, ihren Funktionen. Identitäten und Begehren erscheinen uns als selbstverständliche Ableitungen biologischer und sozialer Bedingungen.
Die herrschende Zweigeschlechtlichkeit erscheint als alternativlos.
Durch die Zugehörigkeit zu einer der beiden Kategorien werden den Individuen Eigenschaften zugeschrieben, die aber nie wertneutral sind , sondern mit Hierachisierungen einhergehen. So werden Unterschiede der Kategorien überbetont und Gemeinsamkeiten negiert, die dann alle Mitglieder einer basalen Gruppe teilen.
Doch der Begriff der Zweigeschlechtlichkeit kann analytisch auch in die Irre führen. Männlichkeit transportiert nicht im selben Maße Geschlechtlichkeit wie Weiblichkeit. Männlichkeit ist die Norm, Weiblichkeit ist „das Andere“. Beispielsweise erscheinen die Positionen von einzelnen Frauen (sofern sie in öffentlichen Debatten überhaupt auftauchen) als „Frauenpositionen“, die Positionen von Männern hingegen werden nicht geschlechtlich konnotiert wahrgenommen.

Das Geschlechterverhältnis erstreckt sich jedoch nicht nur auf identitäre Zuschreibungen sondern findet seine Entsprechungen auch in ökonomischen Prozessen.
So möchten wir die Problematik der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung und der damit verbundenen Interessengegensätzen, denen Macht und Herrschaftsformen zugrunde liegen, deutlich machen. Es gibt Parameter geschlechtlicher Ungleichheit (Einkommensabstand zwischen Männern und Frauen, schlechtere Bewertung von Frauenberufen, Frauen kommen quantitativ trotz gleicher oder bessere Qualifikation nicht in so hohe Positionen in Wirtschaft und Politik usw.) die sich nur bedingt diskursanalytisch durch normative Identitätszuschreibungen erklären lassen.
Die herrschende Geschlechterordnung, und die Auschließungen die dieser zugrunde liegt, sind an sozioökonomische Prozesse im Kapitalismus gekoppelt.
So ist es notwendig auf den Zusammenhang der ökonomischen Produktion und der sozialen (Re)-Produktion einen Blick zu werfen.
Die Existenz der warentauschbestimmten kapitalistische Gesellschaft ist immer auch auf nicht warenförmige Tätigkeiten angewiesen. So baut der Kapitalismus auf Voraussetzungen auf, die er nicht selber hervorbringen kann.
Der Mehrwert im kapitalistischen Produktionsprozess wird dadurch realisiert das Lohnarbeitende nicht den Gegenwert ihrer Arbeit erhalten, sondern nur den Wert ihrer Arbeistkraft.
Also nur soviel, dass sie sich wieder reproduzieren können. Die Mehrarbeit die sie leisten, gehört nicht ihnen, und landet in der Akkumulationsschleife des Kapitals.
Für die Verwertungsbedingungen des Kapitals ist es wichtig, diese Reproduktionskosten möglichst gering zu halten.
Die Verteilung von gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten wie die Erwerbs- und Fürsorgearbeit wird innerhalb des kapitalistischen Systems geschlechtsspezifisch zugewiesen.
Im Fordismus ermöglichte eine Produktivitätssteigerung der Arbeitsorganisation hohe Wachstumsraten und gute Verwertungsbedinungen des Kapitals und führten zu einem sozialen Kompromiss zwischen den Antagonismen Kapital und Arbeit. Die Erhöhung des Werts der Ware Arbeitskraft, ermöglichte ein Geschlechterarrangement das als Ernährer/Hausfrauenmodell bezeichnet wird. Frauen wurden für die Reproduktionstätigkeiten freigestellt , und durch den Familienlohn des männlichen Erwerbstätigen alimentiert.
Diese Reproduktions- und Fürsorgearbeiten werden entwertet weil sie ausserhalb der kapitalistischen Verwertung erledigt werden und da sie nicht warenförmig stattfinden, als ökonomisch wertlos betrachtet. Daraus resultierte eine ökonomische Abhängigkeit von Frauen und die geschlechtsspezifische Verteilung von Erwerbs und Fürsorgearbeiten, die mit Hierarchisierungen aufgrund der verschiedenen ökonomischen Positionierung einhergeht.
Mit der Krise der Kapitalverwertung im Fordismus, kam es zu einer Senkung des Werts der Arbeitskraft, und das Ernährer/Hausfrauenmodell begann, zu erodieren, und Frauen sollten nun in den Arbeitsmarkt integriert werden. So ist es für die Verwertungsbedinungen des Kapitals profitabler, zwei Familienmitgliedern zwar mehr Lohn zu zahlen als früher einem Haupternährer im Fordismus, aber schliesslich liefern zwei Arbeitskräfte dem Kapital einen höheren Mehrwert.
Im Neoliberalismus soll der Zwang zur Erwerbsarbeit nun für beide Geschlechter gelten.
Dies führte zu einer Neuorganisation von Care-Arbeit, die nun allmählich teilweise warenförmig vergesellschaftet wird.
Da aber Reproduktionsarbeiten in gewisser Weise vom Wert der abstrakten Arbeit abgespalten sind, können sie nur bedingt unter den kapitalistischen Arbeitsbegriff gefasst werden. So unterscheidet sich die ökonomische Logik der Fürsorgearbeiten von der kapitalistischen Güterproduktion. Hierbei handelt es sich nicht um einen vergegenständlichten Produktionsprozess mit Trennung von Produktion und Konsumtion, sondern vielmehr um eine zwischenmenschliche Beziehung , wo diese soziale Beziehung Teil des hergestellten Produktes im Arbeitsprozess ist, deren Zeitaufwand relativ unelastisch ist , d.h. kaum durch ‚effizientere’ Gestaltung der Arbeit reduziert werden kann.
So erfahren warenförmige Reproduktionstätigkeiten in Form von Haus/Pflege Berufen eine geringere Entlohnung, weil sie meist wertschöpfungsschwach sind, und die Produktionskosten nicht durch Produktivkraftsteigerung so weit rationalisiert werden können wie in der Güterproduktion.
So werden die Kosten in der Care-Arbeit relativ zu den Kosten der Güterproduktion nicht gleich stark sinken.
Die eingeschränkte Möglichkeit der Produktivsteigerung der Fürsorgearbeiten wird auf Dauer zu einer Krise der Akkumulation des Kapitals führen.
Mit dem Umbau des Sozialstaates sollen Reproduktionstätigkeiten wieder ins Private zurückverlagert werden.
Frauen sollen und müssen im neuen Geschlechterarrangement erwerbstätig sein, und gleichzeitig lastet die Care-Arbeit auf ihren Schultern.
Dadurch können Frauen ihre Arbeitskraft durch die Belastung der Reproduktions und Fürsorgearbeit weniger gut verkaufen, weil sie die bessere Arbeitsfähigkeit von Männern damit ermöglichen, dass sie selbige für sie übernehmen müssen. Frauen mit Fürsorgeaufgaben werden in prekäre Lohnverhältnisse gedrängt, von Männern ohne Fürsorgeaufgaben wird die Arbeitszeit erhöht.
So wird die geschlechtshierachische Arbeitsteilung zum Motor zur Steigerung des Mehrwerts.
Im Kontext von neoliberal-ökonomischen Umbauprozessen kommt es allerdings zu Verschiebungen die sich anhand von anderen Differenzlinien wie zum Beispiel“Ethnie“ äußern.
So realisieren sich Beispielsweise Forderungen der früheren Frauenbewegungen, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Kind, in dem sie wieder an das Individuum Frau zurück getragen werden. Die Fragestellungen, die vorherrschen sind keine kollektiv getragenen mehr. Es geht darum Leistung zu zeigen und sich selbst so zu managen, dass frau einerseits Erfolg im Beruf hat und andererseits aber eine fürsorgliche Mutter ist, die den Nachwuchs optimal fördert. Um diesem Anspruch gerecht zu werden wird nicht selten auf eine „Haushaltshilfe“ zurückgegriffen. Diese Reproduktionsarbeiten erledigen oft Frau mit Migrationshintergrund, zum teil mit unsicherem Aufenthaltsstatus und damit ohne die Möglichkeit irgendwelche Arbeitnehmerinnenrechte durchzusetzen.
Für uns stellt sich die Frage wie wir unsere Analyse den veränderten Realitäten anpassen können. Die Arbeitswirklichkeiten werden komplexer, der Markt virtualisiert sich immer weiter. Vieles erscheint uns als schlecht greifbar und schwer einzuordnen. Der Kongress soll dazu beitragen, gemeinsam neue Möglichkeiten für eine feministisch-materialistische Kritik zu entdecken und die von uns nur angerissenen „anderen Differenzlinien“ mit mehr Inhalt füllen zu können.

Variablen
Aus biologisch-medizinischer Sicht ist die Zweigeschlechtlichkeit nicht so selbstverständlich wie sie uns in sozialen Kontexten erscheint. In der Medizin wird erstmal unterteilt in das biologische und das psycho-soziale Geschlecht. Das biologische Geschlecht wird dann unterteilt in das hormonelle Geschlecht, das genetische- (durch die Chromosomen definiert), das gonadale- (die zunächst unbestimmten Keimdrüsen, die sich später zu Hoden oder Eileitern entwickeln) und phänotypische Geschlecht (das äußere Erscheinungsbild). Beim psycho-sozialen Geschlecht wird weiter unterteilt in das Selbsbild (also die Geschlechtsidentität), in die Geschlechterrolle (die kulturell zugewiesene Rolle und in die sexuelle Orientierung (das Begehren). Außerdem ist anerkannt, dass es bei den vorherrschen Einteilungen zu Diskontinuitäten kommen kann. Selbst Schätzungen „konservativer“ Genetiker_innen gehen davon aus, dass bei 10% der Menschen das biologische Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, welches in ihrem Ausweis festgehalten ist. Aus diesen sieben Kategorien und den zwei anerkannten Zuständen ließen sich schon 128 Geschlechter ableiten…. Dabei ist immer noch außen vorgelassen, dass es auch innerhalb dieser sieben Kategorien zu Diskontinuitäten kommen kann. Trotzdem werden Zustände der Diskontinuität im juristisch-medizinisch-biologischen Diskurs pathologisiert, also als behandlungswürdig angesehen.

Geschlecht und Kampf
Die Fragen, die für uns relevant sind, sind die Fragen der Veränderbarkeit der Geschlechterverhältnisses. Die Geschichte feministischer Kämpfe ist ermutigend und die Widersprüche die in diesen Kämpfen aufgebrochen sind ermöglichen weitere theoretische Überlegungen, die wiederum in die Praxis mit einfließen.
Eine Frage, die viel bewegt hat, ist die Frage der Gruppe auf die sich feministische Kämpfe beziehen. So führte die Kritik von Women of Color an einem Feminismus weißer Mittelklasse Frauen zu einer Einbeziehung von Kategorien wie Ethnie und Klasse. Auch die Kritik lesbischer Frauen, die sich vom heterosexuell geprägten Begriff „Frau“ nicht hinreichend repräsentiert fühlten und lieber von FrauenLesben sprachen, hat zur Weiterentwicklung feministischer Diskurse geführt.
Seit Mitte der 80er steht die Kategorie „Frau“ als Bezugspunkt feministischer Kämpfe ganz fundamental zu Disposition. In ihrer Arbeit „Das Unbehagen der Geschlechter“ verweist Judith Butler auf die Brüchigkeit des Begriffs und seine performative Herstellung
Diese Debatte ist Strömungen wie dem französischen Poststrukturalismus und dem Einfluss postkolonialer Theoriebildung im US amerikanischem Raum zuzuschreiben.
Wir halten Poststukturalistische Ansätze für eine wichtige Bereicherung feministischer Theoriebildung. Es geht uns dabei nicht darum den Begriff und das Subjekt Frau zu negieren „sondern die ihnen zugrunde liegenden Konstruktionsprozesse
sichtbar zu machen und damit gleichzeitig Bedeutungen zu verschieben“ (Butler 1993a).
Wir möchten anfügen, dass die Konstruktion aber nicht nur auf der Bedeutungsebene greift; sondern auch ökonomische Zwänge, Erpressbarkeiten etc. Identitäten/ Positionen konstruieren.
Ein Werkzeug bei diesen Überlegungen ist der Begriff der Dekonstruktion. Mit der Dekonstruktion wird versucht deutlich zu machen, dass Begriffe in sich nicht „stimmig“ sind. Es wird versucht andere Bedeutungen aufzuzeigen, die in den Begrifflichkeiten mitschwingen und Dualismen sichtbar zu machen, die in den Begriffen selbst verankert sind. Es geht darum aufzuzeigen, dass die Vorstellung, die wir uns von etwas machen und der Begriff den wir dazu haben nicht identisch sind. Bezeichnungen sind keine sich selbst referierenden Wahrheiten. Sie sind nur innerhalb eines Systems aus Differenzen und Referenzen zu verstehen. In genau dieses System können wir eingreifen, in dem wir Bedeutungen verschieben, uns Bedeutungen neu aneignen und damit Dualismen in ihrer hierarchischen Beziehung ins Leere laufen lassen.

Mit der Dekonstruktion auf der Ebene des kulturell-ideologischen kritisieren wir den Ausschluss des identitären Anderen. Wir weisen Naturalisierungen und Essentialisierungen zurück und verweisen auf die kulturelle Genese von Geschlechtlichkeit. Auf der sozio-ökonomischen Ebene kritisieren wir den Zusammenhang zwischen Produktion und Reproduktion, und die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit.

Wir sehen die unterschiedlichen Strömungen im Feminismus wie queere Ansätze, feministisch-materialistische oder eher differenzfeministische nicht als einander ausschließende Konzepte. Auf unserem Kongress wollen wir versuchen die verschiedenen Ansätze über ihre Entstehungsgeschichte zu verstehen und ausprobieren,sie auf verschiedenen Ebenen anzuwenden. Dabei entstehen im besten Fall Spannungen, die zu Bereicherungen in der Analyse weiterentwickelt werden können.